Vitalograph Research Radar: Oktober 2026

Reicht eine „normale“ Spirometrie für eine verlässliche Beurteilung aus?

von Helen Venn, Chief Science and Strategy Officer

Die Chief Science and Strategy Officer von Vitalograph sichtet regelmäßig die neueste wissenschaftliche Literatur im Bereich der Atemwegsmedizin, damit Sie es nicht tun müssen. Wir haben 51 aktuelle Publikationen ausgewertet. Hier sind die wichtigsten Erkenntnisse und warum sie für die Zukunft der respiratorischen Diagnostik relevant sind.

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1. Was bedeutet eigentlich „auffällig“?

Seit Jahren werden Spirometrie-Ergebnisse in zwei Kategorien eingeteilt: normal oder auffällig, wobei die 5. Perzentile als Grenze dient.

Zwei neue Veröffentlichungen stellen dieses starre Schwarz-Weiß-Denken infrage. Graham und Stanojevic (2026) schlagen vor, dass eine Analyse extremer Werte (Extreme Value Analysis) die Interpretation von Spirometrie-Ergebnissen verbessern könnte. Salvi (2026) argumentiert dagegen, dass Lungenerkrankungen bereits beginnen können, lange bevor ein Patient den traditionellen Grenzwert überschreitet.

Ein lebhafter wissenschaftlicher Austausch über die Nutzung der Spirometrie zur Diagnose von COPD zeigt zudem, dass die Debatte noch lange nicht abgeschlossen ist (Burney et al., 2026; Halpin und Stanojevic, 2026).

Die Richtung ist jedoch eindeutig: Weg von einer einfachen „bestanden/nicht bestanden“-Bewertung hin zu einer Einschätzung von Risiko und Wahrscheinlichkeit einer Funktionseinschränkung. Der nächste Fortschritt in der Diagnostik könnte daher weniger in der Messung selbst liegen als vielmehr in der Art und Weise, wie wir Lungenfunktionsdaten interpretieren.

2. Die Oszillometrie hält Einzug in die Klinik

Eine landesweite Umfrage im Vereinigten Königreich (Geeves et al., 2026) legt nahe, dass sich die Oszillometrie vom Forschungsinstrument hin zur frühen klinischen Anwendung entwickelt. Die Hürden liegen in den Bereichen Schulung, Standardisierung, Interpretation und Finanzierung, nicht in Zweifeln an ihrem klinischen Nutzen.

Eine begleitende Übersichtsarbeit von Yao et al. (2026) sieht die Oszillometrie als Ergänzung zur Spirometrie, insbesondere dort, wo die Spirometrie schwierig durchzuführen ist oder Erkrankungen der kleinen Atemwege eine wichtige Rolle spielen, etwa bei schwerem Asthma, COPD und interstitiellen Lungenerkrankungen (ILD). Dube et al. (2026) ergänzen, dass die Oszillometrie die Krankheitsprogression bei ILD erkennen kann. Es ist zu erwarten, dass die Interpretation mehrerer Testverfahren künftig zu einer Kernkompetenz in der Lungenfunktionsdiagnostik wird.

3. Von einzelnen Ereignissen zu Krankheitsverläufen

Die NORDSTAR-Kohorte mit nahezu 100.000 Erwachsenen (Hansen et al., 2026) zeigte, dass nur 4,1 % der Menschen mit leichtem bis mittelschwerem Asthma innerhalb von fünf Jahren ein schweres Asthma entwickelten. Bei Personen mit spät einsetzendem eosinophilem Asthma, wiederkehrenden Atemwegsinfektionen und Exazerbationen trotz inhalativer Kortikosteroide stieg dieses Risiko jedoch auf bis zu 30 %.

Ein begleitender Leitartikel argumentiert, dass eine Exazerbation ein frühes Signal für einen anderen zukünftigen Krankheitsverlauf sein kann (Sumino und Tang, 2026). Die fehlenden longitudinalen Lungenfunktionsdaten in der Studie zeigen zugleich, in welchen Bereichen ein objektives Monitoring zusätzlichen Nutzen bieten könnte.

Bei COPD schlagen Singh et al. (2026) „Krankheitsstabilität“ als ein ehrgeizigeres Therapieziel vor: keine moderaten oder schweren Exazerbationen, keine Verschlechterung der Symptome und kein Rückgang der Lungenfunktion. Patienten, die diese Stabilität erreichten, hatten ein deutlich geringeres Risiko für zukünftige Exazerbationen und Todesfälle.

Der Behandlungserfolg wird neu definiert (Trinkmann, 2026), und die Lungenfunktion steht dabei im Mittelpunkt.

4. Die Diagnoselücke in den Daten

Eine Analyse der COPD-Sterblichkeit in 27 europäischen Ländern (Gupta et al., 2026) ergab, dass die Sterblichkeitsraten seit 2018 zurückgegangen sind. Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass besonders niedrige gemeldete Raten nicht zwangsläufig auf eine bessere Lungengesundheit hindeuten. In einigen Ländern könnten sie vielmehr Ausdruck einer Unterdiagnose sein, insbesondere dort, wo Raucherquoten und berufsbedingte Belastungen auf ein höheres Erkrankungsrisiko schließen lassen. Niedrige Fallzahlen können auch ein Hinweis auf einen eingeschränkten Zugang zu diagnostischen Tests sein.

Empfohlene Lektüre (auf Englisch)

  • Die ERS-Leitlinien 2025 zur Bronchiektasie bei Erwachsenen nennen den Rückgang der Lungenfunktion und die Atemwegsobstruktion als zentrale Indikatoren für Schweregrad und Krankheitsprogression (Chalmers et al., 2025). https://doi.org/10.1183/20734735.0001-2026

  • Die ERS fordert ein „Tobacco Endgame“ mit dem Ziel, den Tabakkonsum auf unter 5 % der Bevölkerung zu senken (Baylis et al., 2026). https://doi.org/10.1183/13993003.01013-2026

  • Kinder mit fibrotischen Lungenerkrankungen benötigen speziell auf Kinder zugeschnittene Therapien sowie kindgerechte Diagnose- und Monitoring-Verfahren (Manali et al., 2026). https://doi.org/10.1016/S2213-2600(26)00117-7

  • Von 1.357 für die Anwendung zugelassenen KI-Medizinprodukten wurden lediglich drei anhand von Patientenergebnissen getestet. Dies unterstreicht die Bedeutung einer soliden Validierung (Abulibdeh et al., 2026). https://doi.org/10.1371/journal.pdig.0001597

In diesem Monat wurden in acht aktuellen Publikationen Vitalograph-Geräte erwähnt, darunter eine Studie zur Londoner Ultra Low Emission Zone (ULEZ) und zur Entwicklung der Lungenfunktion bei Kindern (Wood et al., 2026), Forschungsarbeiten zu Funktionsstörungen der kleinen Atemwege bei Bronchiektasen (Chang et al., 2026) sowie mehrere Studien zu chronischem Husten mit dem VitaloJAK-Hustenmonitoring. Dazu gehört auch eine randomisierte Studie zu niedrig dosiertem Morphin bei therapierefraktärem chronischem Husten (Al-Sheklly et al., 2026).

Ausblick

Ein roter Faden dieses Research Radars ist der Wandel von Momentaufnahmen hin zu Krankheitsverläufen. Kliniker und Forschende fragen nicht mehr nur: „Ist dieses Ergebnis auffällig?“, sondern auch: „Wie wird sich der Zustand dieses Patienten entwickeln, und wie früh können wir das erkennen?“ Um diese Fragen zu beantworten, braucht es eine bessere Interpretation der Ergebnisse, ergänzende Untersuchungsverfahren und konsistente Messungen über einen längeren Zeitraum.

Referenzen

Abulibdeh, R. et al. (2026) ‘1,357 AI medical devices cleared, 3 actually tested on patient outcomes’, PLOS Digital Health, 5(8), e0001597. https://doi.org/10.1371/journal.pdig.0001597

Al-Sheklly, B.D. et al. (2026) ‘Low-dose morphine and airway sensations in refractory chronic cough: a randomised control trial’, ERJ Open Research, 12(5). https://doi.org/10.1183/23120541.00173-2026

Baylis, S. et al. (2026) ‘Statement of the European Respiratory Society on the tobacco endgame’, European Respiratory Journal, 68(2). https://doi.org/10.1183/13993003.01013-2026

Burney, P. et al. (2026) ‘The use of spirometry to define airflow obstruction and diagnose COPD’, European Respiratory Journal, 68(2). https://doi.org/10.1183/13993003.00966-2026

Chalmers, J.D. et al. (2026) ‘The European Respiratory Society guideline for management of adult bronchiectasis: clinical summary’, Breathe, 22(2), 260001. https://doi.org/10.1183/20734735.0001-2026

Chang, C.H. et al. (2026) ‘Small airway dysfunction in bronchiectasis patients with exercise-induced desaturation’, Therapeutic Advances in Respiratory Disease, 20, 17534666261480885. https://doi.org/10.1177/17534666261480885

Dube, R. et al. (2026) ‘Respiratory oscillometry identifies disease progression in interstitial lung disease’, BMJ Open Respiratory Research, 13(1). https://doi.org/10.1136/bmjresp-2025-003900

Geeves, M.E. et al. (2026) ‘Current use and future potential of oscillometry in UK lung function testing: a national survey’, BMJ Open Respiratory Research, 13(1). https://doi.org/10.1136/bmjresp-2025-003786

Graham, B.L. and Stanojevic, S. (2026) ‘Extreme value analysis has the potential to improve spirometry interpretation’, Thorax, 81(9), pp. 853-858. https://doi.org/10.1136/thorax-2025-223943

Gupta, A. et al. (2026) ‘Mortality trends in chronic obstructive pulmonary disease in 27 countries within Europe from 2011 to 2021’, BMJ Open Respiratory Research, 13(1). https://doi.org/10.1136/bmjresp-2025-003175

Halpin, D.M.G. and Stanojevic, S. (2026) ‘Reply to: The use of spirometry to define airflow obstruction and diagnose COPD’, European Respiratory Journal, 68(2). https://doi.org/10.1183/13993003.01241-2026

Hansen, S. et al. (2026) ‘From mild-to-moderate to severe asthma: risk factors and patient profiles from the NORDSTAR cohort’, American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine, 212(9), pp. 1975-1987. https://doi.org/10.1093/ajrccm/aamag242

Manali, E.D. et al. (2026) ‘Pulmonary fibrosis in chILD: bridging the gap’, The Lancet Respiratory Medicine, 14(9), pp. 751–753. https://doi.org/10.1016/S2213-2600(26)00117-7

Salvi, S. (2026) ‘Beyond the 5th percentile: rethinking diagnostic thresholds in pulmonary function testing’, European Respiratory Journal, 68(2). https://doi.org/10.1183/13993003.00662-2026

Singh, D. et al. (2026) ‘Defining disease stability in chronic obstructive pulmonary disease: evidence from phase 3 clinical trials’, American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine, 212(9), pp. 2036-2049. https://doi.org/10.1093/ajrccm/aamag292

Sumino, K. and Tang, M. (2026) ‘When an exacerbation signals a different future in nonsevere asthma’, American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine, 212(9), pp. 1885–1887. https://doi.org/10.1093/ajrccm/aamag350

Trinkmann, F. (2026) ‘Aim high- stay stable: rethinking treatment success in chronic obstructive pulmonary disease’, American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine, 212(9), pp. 1899-1901. https://doi.org/10.1093/ajrccm/aamag351

Wood, H.E. et al. (2026) ‘Impact of the Ultra Low Emission Zone on lung function growth in children in London, UK: a prospective parallel cohort study’, The Lancet Public Health. https://doi.org/10.1183/23120541.01217-2025

Yao, S. et al. (2026) ‘Impulse oscillometry and traditional pulmonary function testing: correlation, advances and clinical implications’, BMJ Open Respiratory Research, 13(1), e003881. https://doi.org/10.1136/bmjresp-2025-003881.

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